Memoranden 2007 – 2019

Das digitale Europa.
Digital Europe.

Memorandum Seggauberg 2019

Die seit 2005 biennal abgehaltenen Pfingstdialoge „Geist & Gegenwart“ auf Schloss Seggau dienen immer auch der Standortbestimmung des „Projekts Europa“, seiner Chancen, Hoffnungen, aber auch Gefährdungen und Probleme, seiner Entwicklungen und Herausforderungen.

Der achte Pfingstdialog vom 5. bis 7. Juni 2019 stand unter dem Generalthema „Das digitale Europa. Digital Europe. No borders, no limits?“. Wir haben den Untertitel „No borders, no limits?“ bewusst mit einem Fragezeichen versehen. Denn die Idee der Grenzenlosigkeit unserer Gesellschaft kann gleichermaßen humanistisches Ideal wie in ihrer Verabsolutierung eine gefährliche Illusion sein. Unser Zusammenleben braucht Begrenzungen durch Ethik und Regeln. Das gilt ganz besonders für das Thema der Digitalisierung.

Die fundamentalen Errungenschaften und Werte der Aufklärung leiten uns dabei. Die universellen Menschenrechte, die unantastbare Menschenwürde, der Rechtsstaat, die liberale Demokratie und die offene Gesellschaft müssen die Leitmotive eines zukunftsorientierten, kreativen und innovativen europäischen Lebensmodells sein.

Welche ethischen, philosophischen, moralischen, demokratiepolitischen, technischen, wirtschaftlichen, arbeitsmarktpolitischen, sozialen, medialen, kulturellen und bildungsmäßigen Fragen stellen sich uns? Wie können wir die vielfältigen Chancen der Digitalisierung nutzen und gleichzeitig den Gefahren und Risken, die von unbegrenzter und regelloser Digitalisierung und künstlicher Intelligenz ausgehen, bis hin zu den Horrorvisionen (diese hat es übrigens bei jeder Innovation gegeben und sie haben sich nie bewahrheitet, man denke nur an die Industrialisierung oder Computerisierung), begegnen? Bei weitem nicht alles, was machbar scheint, ist verantwortbar. Manche Verheißungen und Versprechungen einer schönen, neuen, digitalen Welt sind trügerisch. Es gibt eine generelle gesamtgesellschaftliche Verantwortung, aber wir müssen uns auch unserer individuellen Verantwortung im notwendigen Umgang mit den Möglichkeiten der Digitalisierung bewusst sein.

Hat das digitale Europa überhaupt noch eine Chance gegen den Turbo-Datenkapitalismus der USA und das autoritär-dirigistisch, den sogenannten Fortschritt forcierende, chinesisch-asiatische System? Wie können wir in der Steiermark, in Österreich und Europa im globalen Wettbewerb, der vor allem von den Giganten USA und China bzw. Asien dominiert wird – erwähnt seien nur die Namen Huawei, Alibaba, Google, Amazon, Microsoft, Facebook, Apple – mithalten, wo ist da unser Platz? Wie können wir bestmöglich die faszinierenden Chancen nützen?. Gerade nach den Europawahlen wird es eine große Aufgabe der EU sein, hier durch Förderung von Innovation und Kreativität sowie fairen Rahmen- und Wettbewerbsbedingungen die eigenständige Position Europas herauszuarbeiten. Europa muss offensiv, nicht defensiv und ängstlich agieren.

Beim Pfingstdialog 2007 sprach der US-amerikanische Zukunftsforscher Jeremy Rifkin in seinem Eröffnungsvortrag davon, dass die EU ein vorbildhaftes Modell für den ganzen Erdball mit großartigen Zukunftsperspektiven sein könnte. Das haben in den letzten Monaten auch zahlreiche weitere Denker wie der israelische Starhistoriker Yuval Noah Harari bestätigt, der sagt, die EU sei das „bessere Modell für die Welt“, das „Potential zu einer großen Zukunft“ habe. Und: „Es gibt weltweit keine Region mit einem derartigen Konzentrat an Talenten und schöpferischer Begabung“ sowie „Die geistige Offenheit, sich bis ins hohe Alter neu zu denken und zu entwerfen, wird für die Überlebensfähigkeit des Einzelnen und Europas entscheidend sein“.

Europa kann, wenn es nur will, in allen wesentlichen Zukunftsfragen weltweit eine wichtige Rolle einnehmen. Vor 30 Jahren fiel durch den großartigen Aufbruch und das mutige Engagement freiheitsliebender Bürgerinnen und Bürger der Eiserne Vorhang in Europa und vor 25 Jahren stimmten die Österreicherinnen und Österreicher mit eindrucksvoller Zweidrittelmehrheit für den EU-Beitritt unseres Landes. Es ist zu hoffen, dass die europäischen Institutionen mit Kraft, Mut und Intelligenz in den nächsten fünf Jahren die Weichen für einen neuen Aufbruch stellen und diese nicht in parteitaktischem und nationalistischem Klein-klein die Chancen verpasst werden.

Unser Pfingstdialog 2019 wollte dabei für das entscheidende Zukunftsthema Digitalisierung Orientierung und Impulse für einen berechtigten und realistischen Optimismus geben. Im Sinne der Nachhaltigkeit des Pfingstdialogs werden seine Ergebnisse, Referate und Diskussionsbeiträge, verbunden mit Eckpunkten für eine zu entwickelnde „europäische und österreichische Ethik der Digitalisierung“, die nicht nur Grenzen, sondern vor allem gangbare Wege in die Zukunft aufzeigt, in einer Publikation und weiterführenden Diskursen präsentiert werden.

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