Der führende deutsche Nahost-Experte Dr. Michael Lüders war zu Gast bei Geist & Gegenwart in Graz.

Foto Credit: Foto Fischer

Mehr als 200 Interessierte konnte Wissenschaftslandesrat Mag. Christopher Drexler am 13. Juni in der Aula der Alten Universität in Graz zu einem hochspannenden Vortrag des Berliner Autors Michael Lüders begrüßen. „Es freut mich außerordentlich, dass wir so einen prononcierten Kenner des Nahen Ostens als Referenten für diese Dialogreihe gewinnen konnten“, so der Landesrat in seinen einleitenden Worten. Lüders lieferte in einem packenden Vortrag unter dem Titel „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ eine Beschreibung der westlichen Interventionen im Nahen und Mittleren Osten seit der Kolonialzeit und zeigte ihre desaströsen Folgen auf, die von Terror über Staatszerfall bis hin zum Siegeszug islamistischer Milizen reicht. „Wir haben uns angewöhnt, für vieles, was schief läuft, den Islam verantwortlich zu machen. Mir fehlt da die Differenzierung – wenn man genau hinsieht, bergen alle Religionen ein Gewaltpotenzial in sich“, so Lüders.

Frei nach Egon Bahr prangerte Lüders den Antrieb der westlichen Einmischung an: „Vordergründig geht es um Werte, dahinter stehen aber immer nur knallharte wirtschaftliche Interessen. Die USA gehen den Schulterschluss mit den reaktionärsten Kräften ein, solange dabei nur die westlichen Interessen gewahrt bleiben: Erdöl, keine Flüchtlinge und das gute Auskommen mit Israel. Menschenrechte in der Region werden in der Regel erst zum Thema, wenn die Machthaber keine pro-westliche Politik verfolgen.“ Er hält allerdings auch wenig von Dämonisierungen. „Hussein, Putin oder auch Erdogan als zweiten Hitler hinzustellen hat mit sachlicher Kritik nichts zu tun.“

„Haben die Amerikaner alles falsch gemacht? Gibt es überhaupt noch eine Lösung“, fragte im Anschluss an den Vortrag Moderator Dr. Ernst Sittinger den langjährigen Nahostkorrespondenten der Wochenzeitung „Die Zeit“. Lüders meinte: „Es gibt keine Patentantworten, aber wir werden akzeptieren müssen, dass wir in einer Zeit der Transformation leben. Auch wenn man als Einzelner nicht viel tun kann, so kann man doch eines: Stellung beziehen – in der Flüchtlingsfrage, im öffentlichen Diskurs. Und wir werden Demut lernen müssen: Die Welt lässt sich nun einmal nicht allein nach westlichen Regeln ordnen.“

In der folgenden höchst angeregten Publikumsdiskussion ging es um die anstehenden Wahlen in den USA, um die Rolle der Konzerne in der Nahostpolitik aber auch um das Erfolgsmodell Europa nach 1945. Landesrat Drexler warnte allerdings auch vor der Dämonisierung der USA: „Es gäbe unser Europa heute nicht in dieser Form ohne die Intervention der USA.“